31.10.-09.11.2025 – Die letzte grosse Fahrt
Bevor wir die Leinen lösen, prüfen wir den Wind. Das angesagte Tiefdruckgebiet im südlichen Australien hat sich gemäss heutiger Prognose nochmals verschärft. Die Windstärken gehen wieder über fünfundsiebzig Knoten. Das entspricht der Wirbelsturm-Stufe 1. Sollen wir tatsächlich los oder lieber wieder einklarieren? Falls wir nicht heute fahren, verpassen wir den Tag mit dem besten Wind und müssen mindestens eine weitere Woche abwarten. Wir beschliessen zu fahren, jedoch den Wind täglich zu prüfen. Sollte sich das Tief nicht nochmals beruhigen, werden wir frühzeitig nach Norden ausweichen können. Mit einem mulmigen Gefühl verlassen wir den Hafen.
Der erste Tag ist wie prognostiziert herrlich. Wir rauschen mit fünf Knoten von Neukaledonien weg. Die Wellen sind human. Unser Windpilot steuert einwandfrei. Der Himmel ist klar. Unsere Stimmung gut. Die Prognose ist verlässlich. Der Wind nimmt wie erwartet ab. Wir fahren nur noch mit drei bis vier Knoten. Damit können wir gut leben. Die neuesten Windprognosen sind gut. Das Tiefdruckgebiet zwischen Sydney und Coffs Harbour, unserem Zielort, hat sich massiv abgeschwächt. Nur noch vierzig Knoten. Immer noch genug, doch könnten wir dies gut meistern. Der Wind hat in der Zwischenzeit komplett abgestellt. Diesel haben wir einmal mehr nicht für die ganze Strecke, weshalb wir uns etwas treiben lassen. Mit der Strömung machen wir immerhin zwei Knoten. Den Motor bereits in Betrieb zu nehmen, macht zurzeit noch keinen Sinn. Zudem toben vor uns, in zirka 240 Seemeilen Entfernung, Gewitter. Diese warten wir lieber mit sicherer Distanz ab. Der Wetterbericht bleibt stabil. Heute macht es Sinn den Motor zu starten. So sollten sich die Gewitter, bis zu unserer Ankunft am besagten Punkt, aufgelöst haben. Von dort werden wir in knapp zwei Tagen guten Wind erreichen. Wow, mit dem Flautenschieber machen wir sage und schreibe sechs Knoten Fahrt. So würden wir schon bald ankommen, wenn der Diesel reichen würde… Nach den geplanten zwei Tagen unter Motor kommen wir in der Gewitterzone an. Die angesagten Gewitter haben sich wie vorhergesagt bereits ziemlich aufgelöst. Ein paar Sturmböen fegen noch über das Meer. Ein kurzer Starkregen begleitet uns. Nach einer weiteren Nacht beruhigt sich das Wetter. Wir haben den stabilen Wind erreicht. Unser Segel trägt uns nach Australien. Am 11. November sind weiterhin starke Winde in Coffs Harbour angesagt. Wir müssen unsere Entscheidung fällen, ob wir nördlicher fahren oder Coffs Harbour anlaufen. Wir machen es von einem Hafenplatz abhängig. Theoretisch sollten wir unser Ziel am 9. oder 10. November erreichen. Falls wir in den Hafen können, wären die vierzig bis fünfzig Knoten Wind für uns in Ordnung. Den Hafenplatz bekommen wir bestätigt. Die Entscheidung ist gefallen. Wir segeln direkt nach Coffs Harbour. Nun bleibt nur noch die Herausforderung, dass am 8. November nochmals Gewitter auf unserer Route gemeldet sind. Diese sollten sich jedoch in Küstennähe entladen. Die letzte Nacht wird intensiv. Der Wind und die Wellen nehmen von Stunde zu Stunde zu. Der Wind bläst mit dreissig bis fünfunddreissig Knoten von schräg vorne. Der harte Am-Wind-Kurs ist bei diesen Windstärken nicht mehr gemütlich. Pagsinta schlägt über die Wellen. Durch das Poldern unter Deck ist an Schlaf und Erholung nicht zu denken. Der Windpilot mag den Kurs in dieser extremen Situation nicht mehr halten. Wenn wir zu viel Segel geben, haben wir zu viel Druck im Boot, was zur Folge hat, dass das Boot in den Wind steuern will. Haben wir zu wenig Segel, werden wir zum Spielball der Wellen. Conny ist bei diesen anspruchsvollen Verhältnissen im Cockpit und hilft unserem Boot mit aller Kraft. Sie sieht die zuckenden Blitze in Landesnähe ins Meer schlagen. Das Gewitter kommt rasend schnell näher und erreicht uns in Kürze. Das Segel verringern wir auf ein Minimum. Egal, wenn wir von den Wellen herumgeworfen werden. Wir müssen den Motor starten und uns im Bootsinneren verschanzen. Arm in Arm, von der Angst begleitet, sehen wir die zuckenden Blitze um uns herum. Einer schlägt direkt neben uns ins Wasser. Das Grollen der Donner lässt das Boot vibrieren. Nach einer guten Stunde ist der Spuck vorbei. Wir stoppen den Motor und segeln in der Ruhe nach dem Sturm weiter. Der letzte Tag ist angebrochen. Der Wind wieder weg. Wir starten abermals den Motor. Genial, wir düsen nun mit über acht Knoten, da wir die starke Mitströmung, welche in dieser Gegend herrscht, erreicht haben.
Wenn das so weitergeht, werden wir bei Tageslicht ankommen. Da die Einklarierungsvorschriften in Australien sehr streng sind, gehen wir nochmals unsere Lebensmittelvorräte durch. Unseren verbleibenden Reis und unsere Linsen werfen wir über Board. Diese dürfen nicht importiert werden. Ebenfalls haben wir noch wenige Dosen ohne Etikette. Zur Sicherheit öffnen wir diese, kippen den Inhalt ins Meer, waschen die Dosen aus. Das Metall möchten wir sauber recyclen. Selbst wenn wir dies bezahlen müssen. Je näher wir zum Ziel kommen, desto weniger wird die Strömung. Wir fahren mit Segel, Motor und Strömung aber nach wie vor zwischen sechs und sieben Knoten. Das Empfangskomitee bleicht nicht aus. Grindwale begrüssen uns. In der Dämmerung erreichen wir Coffs Harbour. Das Hafenpersonal ist nicht mehr da. Wir wissen noch nicht, welchen Platz sie uns zugewiesen haben. So ankern wir im Hafenbecken und trinken ein Ankunftsbier. Diese letzte Fahrt hat nochmals Alles gefordert. Flaute, Sturmböen, hohe Wellen, Regen, Gewitter und strategisches Planen von Route, und Motoreneinsatz. Wir sind stolz, diese herausfordernde Passage so gut gemeistert zu haben. Müde fallen wir ins Bett.
10.11.-18.11.2025 – Coffs Harbour
Am Morgen funken wir den Hafen an. Ein Platz wird uns zugewiesen und vom Zoll haben wir das OK, dass wir in den Hafen einlaufen dürfen. Sobald wir am Steg festgemacht haben, kommen auch schon die zwei Zöllner an Board. Sie prüfen unsere Lebensmittel und es gibt mehrere Formulare auszufüllen. Ein spezielles Auge haben sie auf Ameisen. Wir müssen genau angeben, wann wir wo waren und welche Bootsarbeiten wo gemacht wurden. Da wir in Kolumbien für zwei Monate im Trockendock waren, möchten sie wissen, ob wir dort irgendwelche Holzarbeiten gemacht haben. Australien möchte vermeiden, dass Termiten von zum Beispiel Kolumbien eingeschleppt werden. Gemäss dem Zöllner kann es gut sein, dass ein Stück Holz gut aussieht und trocken ist, aber trotzdem von Termiten befallen ist. Da wir keine Holzarbeiten gemacht haben und unser Boot und die Essensvorräte sauber geplant haben, werden wir in zirka fünfzehn Minuten einklariert. Den Abfall dürfen wir selbst entsorgen, da wir nur noch Verpackungsmaterial an Board haben. Genial. Einiges gespart. Jedes Kilo, welches die Beamten entgegennehmen, würde fünfzig australische Doller kosten. Zwei Steine fallen uns vom Herzen. Wir sind rechtzeitig im sicheren Hafen angekommen und haben ohne Probleme einklariert. Willkommen in Down Under. Wir sind tatsächlich mit unserer Pagsinta von Frankreich nach Australien gesegelt!
Das grosse Schlafmanko ist spürbar. Weshalb wir den ersten Tag gemütlich nehmen. Bettlacken, Kleider und Decke waschen. In die nahegelegene Stadt schlendern. Uns einen Überblick verschaffen. Bei der Post kaufen wir eine lokale SIM-Karte, damit wir unabhängig vom Strom an Board und auch in der Stadt online sind. Es ist immer wieder spannend, sich mit den diversen Telefonnetzen auseinanderzusetzen. Zurück auf dem Boot können wir unsere SIM-Karte nicht aktivieren. Sie sind seit bald sechs Monaten abgelaufen. Nach einer erholsamen Nacht im Hafen, geht es weiter auf SIM-Karten jagt. Bei der nächsten Tankstelle kaufen wir zwei aktive SIM-Karten. Leider können wir aber auch diese nicht aktivieren. Die nette Dame von der Tankstelle stellt uns einen Hotspot zur Verfügung, sodass wir den nächstgelegenen Telekomanbieter suchen können. Wir nehmen den Bus zum Einkaufszentrum. Dort ist der gewünschte Telekomanbieter zu finden. Wow, all diese modernen Läden. Schon etwas anderes, wieder auf dem Festland. Wir schlendern durch die Mall und gehen online. In der heutigen Zeit in einer Stadt, erleichtert dies einiges. Nach einem Imbiss in der Mall schlendern wir noch weiter in den Läden herum. Mit dem Bus geht es anschliessend ins Industriegebiet. Im Marineshop suchen wir nach einem Hypalon-Leim und zwei Gastflaggen. Leider bekommen wir beides nicht. Den letzten Stopp legen wir im grossen Lebensmittelgeschäft ein. Die frischen Früchte, Joghurt und Käse begeistern uns im Speziellen. Qualitativ gute Frischwaren in dieser Auswahl haben wir das letzte Mal in Europa gesehen. Mit Leckereien bepackt kommen wir nach Hause.
Die heutige Nacht hat es in sich. Die Winde des erwarteten Tiefs sind eingetroffen. Er heult um den Mast. Wir haben gegen fünfzig Knoten Wind. Zum Glück schirmt der Hafen einiges ab. Trotzdem stehen wir kurz auf, um nochmals zwei zusätzliche Leinen anzubringen, welche unser Boot am Steg halten. Es pfeift und rupft am Boot. Obwohl wir uns sicher fühlen, ist es schwierig zu schlafen. Müde planen wir die nächsten Tage in Coffs Harbour. Wir möchten die Gegend sehen, benötigen neue Taschen oder Rucksäcke für die Weiterreise und möchten, so bald als möglich, weiter südlich segeln. Durch die Quartiere spazieren wir zu einem Outdoor-Laden. Die Auswahl im Geschäft ist vielfältig, doch überzeugt uns nicht. Weiter geht es an den schmucken Wohnhäusern vorbei zur Bierbrauerei in der Stadt. Auf dem Weg sehen wir gegen einhundert farbenfrohe Papageie. Eine ältere Dame füttert sie und erzählt uns von ihrem Leben in Australien. Schön, Land und Leute etwas zu erleben. In der Brauerei angekommen, probieren wir die verschiedenen Ales. Uns wurde das Essen empfohlen, darum verdrücken wir gleich noch einen der köstlichen Burger.
Das ausgeprägte Busnetzwerk funktioniert sehr gut. Mit einem günstigen Tagesticket fahren wir mit dem lokalen Bus für nur CHF 2.50 zum nahegelegenen Nationalpark. Dieser ist mit Eukalyptusbäumen übersät. Wir hoffen einen der 350 heimischen Koalabären zu erspähen. Die Schlafkappen sind jedoch in den zig Bäumen nicht auszumachen. Die Wälder gefallen uns trotzdem sehr gut. Einmal mehr dürfen wir eine neue Fauna entdecken. Die Wälder sind trocken und neben den Eukalyptusbäumen sind Nadelbäume sehr präsent. Auf dem erdigen Boden zu gehen, tut nach der längeren Zeit auf dem Wasser immer sehr gut. In der Stadt konnten wir bereits die Beine vertreten, aber Naturboden und Teer lassen sich einfach nicht vergleichen. Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes wieder geerdet.
Unsere Weiterfahrt zeichnet sich langsam ab. Wir hoffen am Mittwoch, 19. November südlich zu segeln. Es hat zählige gute Ankerbuchten an der Küste Australiens. Meistens handelt es sich um eine Flusseinfahrt. Dadurch sind die Buchten von den meisten Winden und Wellen gut geschützt. Den ganzen Tag verbringen wir auf dem Boot. Planen die letzten Meilen und schauen uns die diversen Optionen an. Wir tanken die Pagsinta wieder voll und machen uns frisch für den Samstagabend. Schlendernd bewegen wir uns durch das Jetty-Quartier bis zu unserem ausgewählten Restaurant. Als Erstes geniessen wir in der Bar einen Cocktail mit Blick auf den Fluss, gesäumt mit Mangroven. Im oberen Stock mit derselben, wunderbaren Aussicht bekommen wir die leckerste Pizza auf der südlichen Halbkugel und genehmigen uns anschliessend einen weiteren Cocktail zu Live-Musik in der Bar. Langsam sind wir wieder in der modernen Welt angekommen. Ein verdienter, gemütlicher Sonntag folgt. Nichts tun, im Internet surfen und etwas auf der Ukulele spielen soll heute genügen. Den Sonnenuntergang geniessen wir mit einer Flasche Wein auf dem benachbarten «Muttonbird» Hügel. Auf dem Meer, nahe unserer Bucht entdecken wir tatsächlich nochmals einen Buckelwal. Sonnenuntergang, ein Glas Wein und ein Wal; was will man mehr?
Etwas mehr wollen wir die Region heute noch entdecken. Abermals ersteigern wir ein günstiges Tagesticket und wollen mit dem Bus bis zur Endstation nach Bellingen fahren. Diese zweistündige Busfahrt führt uns durch Felder und Weiden. Die bewaldeten Hügel und die vielen Kühe auf den Weiden erinnern uns an die Schweiz. Es riecht nach gemähtem Gras, gemischt mit dem Duft der Frühlingsblumen. Beim Umsteigen erklärt uns der neue Busfahrer, dass wir mit unserem Ticket eigentlich nicht diese ganze Strecke fahren dürfen. Dies sei jedoch nicht unser Fehler, sondern der des ersten Fahrers und so bringe er uns trotzdem ohne Aufpreis nach Bellingen. Die Freundlichkeit der Australier zieht sich durch. In Bellingen wollen wir eigentlich zu den Wasserfällen. Leider ist es zu weit zu Fuss und ein Auto oder Fahrrad können wir nicht mieten. Wir geniessen das schmucke Städtchen. Kehren in ein kleines Kaffee mit feinen Süssigkeiten ein. Schmökern in den liebevoll arrangierten Läden.
Überall kommen wir mit den hilfsbereiten und interessierten Leuten ins Gespräch. Conny kommt in Kauflaune und gönnt sich einen neuen Hut und ein handgefertigtes Kleid von einer Schneiderin. Leider ist es ein wenig zu lang, doch für die Schneiderin kein Problem. Ruckzuck ist das Kleid angepasst. Eigentlich wollten wir etwas Wandern heute. Wir fahren ein Dorf retour und versuchen unser Glück in Urunga. Die Fussgängerbrücke durch die Moorlandschaft zum Strand wird leider renoviert. Wir spazieren der Strasse nach und finden nach einer halben Stunde einen Weg zum weissen Sandstrand. Kein Baum, kein Busch, welcher Schatten spenden würde. Die Sonne brennt. Umgehend kehren wir wieder um. Eine weitere halbe Stunde später finden wir uns in Urunga wieder. Unser heutiger Ausflug verlief anders als geplant. Wir haben immer noch kein Känguru oder einen Koala gesehen. Schade. Vielleicht haben wir noch Glück, solange wir Australien sind.