08.-19.07.2024 – Die letzten Tage in Grenada
Am Morgen hören wir über Funk, dass ein grösseres Boot mit Hilfsgütern für Carriacou beladen wird. Jede helfende Hand sei willkommen. Noch so gerne gehen wir mit Anpacken. Den meisten Seglern geht es wie uns. Wir sind alle froh, etwas tun zu können, um die vom Hurrikan betroffenen Inseln zu unterstützten. Mit dieser Aktion können auch wir langsam, aber sicher wieder nach vorne blicken.
Das EM-Final schauen wir gemeinsam mit unseren Schweizer Freunden im Pub. Dieses Mal wird allerdings mehr geplaudert, statt Fussball geschaut. Es ist immer wieder spannend, wie schnell eine gewisse Verbundenheit entsteht. Da wir alle ein ähnliches Abenteuer mit unseren Booten erleben, ist der gemeinsame Nenner gross und man versteht sich nur zu gut.
Die Zeit fliegt. Unser Hochzeitstag steht an. Da das Wetter an diesem Tag freundlich sein soll, planen wir eine Wanderung und ein schönes Abendessen. Der 15. Juli ist angebrochen. Durch den Dschungel soll es zu einem Wasserfall gehen. Mit dem Minibus fahren wir zum Start der Wanderung beim Grand Etang, einem kleinen See auf einer Passhöhe. Auf dem breiten Weg geht es in den Wald. Bereits nach kurzer Strecke kommt eine Absperrung mit der Information vorsichtig zu sein. Wir beschliessen weiterzugehen und achtsam zu bleiben. Die Wege sind vom vielen Regen in den vergangenen Tagen aufgeweicht. Der Hurrikan hat ebenfalls seine Spuren hinterlassen. Bäume sind entwurzelt. Die Wege werden immer abenteuerlicher, die Kulisse ist traumhaft. Der Weg führt über einen schmalen Grat. Durch den dicht bewachsenen Wald erhaschen wir immer wieder einen Blick auf den See.
Auf einmal blickt uns eine, etwas verdatterte, Landschildkröte an. Sie ist nicht schnell genug, um vor uns davonzulaufen und muss entsprechend warten, bis wir dann doch beschliessen über sie drübersteigen. Endlich kommt die Abzweigung. Ein Weg führt zum Concord Wasserfall, der andere zum Qua Qua Gipfel. Der Weg zum Wasserfall ist jedoch derart überwuchert, dass wir unsere geplante Route nicht wahrnehmen können. Den Qua Qua Gipfel erklimmen wir ohne Mühe. An diesem herrlichen Aussichtspunkt geniessen wir unser Picknick und machen uns anschliessend auf den Weg zurück zum Ausgangspunkt. Mit viel Glück erwischen wir nach kurzer Zeit ein Minibus, der uns zurück nach St. George’s bringt.
Kurz zurück auf unser Boot, um uns für den speziellen Abend chic zu machen. Seit langem tragen wir wieder einmal Kleid und Hemd. Wir geniessen ein leckeres Abendessen mit gutem Wein in einem schönen Strandlokal und lassen unser Hochzeitsfest, unsere zivile Trauung und alle grossartigen, gemeinsamen Erlebnisse Revue passieren. Wir sind enorm dankbar für alles, was wir bereits gemeinsam erleben durften. Das Leben auf dem Boot bringt auch viele Herausforderungen mit sich und macht es für viele Paare nicht immer einfach. Umso mehr schätzen wir unser harmonisches Zusammensein.
Trotz all den schönen Erlebnissen und unserem Traumleben, sind wir mitten in einer Findungsphase. Fragen über Fragen beschäftigen uns. Wollen wir weiter auf dem Boot leben? Wohin wollen wir? Über den Pazifik? Schaffen wir das? Haben wir immer noch genügend Erspartes für unseren grossen Traum? Was machen wir in Südostasien? Gibt es da Orte, wo wir Pagsinta für mehrere Monate liegen lassen können? Gibt es dort Trockendocks? Könnten wir sie in Südostasien verkaufen, falls wir nicht weiterwollen? Sollen wir besser nach dem Panamakanal Richtung Norden nach Baja California und weiter bis Kanada? Sind dort unsere Optionen besser?
Wir gehen über die Bücher und versuchen uns gegenseitig diese Fragen zu beantworten. Nach Tagen der Findung und des Informierens merken wir, dass es für uns immer noch nur eine Option gibt. Weiter nach Südost Asien. Pagsinta können wir allenfalls in Langkawi oder Thailand unterbringen. Das Geld sollte gerade so reichen. Doch schaffen wir das? Über den Pazifik? Die erste Segelpassage bis auf die Marquesas wird ungefähr fünfzig Tage in Anspruch nehmen. Wir fassen den Entschluss, uns bei der anstehenden Überfahrt nach Curacao nochmals einzufühlen und unsere Segelpraktiken zu trainieren. Mit diesem Entscheid machen wir uns an die Vorbereitungen für die viertägige Fahrt. Einkaufen, alles Verstauen, Windsteueranlage montieren, Vorkochen, Wind und Wetter prüfen und nochmals gut ausschlafen.
20.-24.07.2024 - Die Überfahrt nach Curacao
Am Morgen der Abfahrt prüfen wir nochmals die Winde und speichern die Prognosen, damit wir die Daten unterwegs abrufen können. Das Boot ist klar. Motor an, Leinen los und ab nach Westen. Die ersten paar Stunden müssen wir mit dem Motor zurücklegen, bis wir aus der Windabdeckung von Grenada sind. Bereits nach kurzer Zeit, nimmt der Wind genügend zu, damit wir das Segel setzten können. Weil wir mit unserer Windsteueranlage fahren möchten, setzten wir nur die Genua. Die Wellen rauben uns den letzten Nerv. Sie kommen unkontrolliert und in kurzen Abständen von zwei Seiten. Sie sind hoch und nervös. Wir befinden uns mitten in der Kreuzsee, welche sich hinter Grenada gebildet hat. Die Windsteueranlage können wir nicht einstellen. Wir haben die Pinne selbst in der Hand und die Nacht bricht bald an. Am liebsten würden wir beide von Board und unser Boot zum Verkauf anbieten. Die Vorstellung, dass die Überfahrt so sein soll, bringt uns mal wieder an unsere Grenzen. Da wir selbst steuern, gönnen wir uns pro Person eindreiviertel Stunden Schlaf. Es ist derart ruppig im Boot, dass wir beide kaum ein Auge zu tun. Erneut kommen Zweifel an unserem Vorhaben auf. In der Mitte der Nacht wird es etwas ruhiger. Stef kann die Windsteueranlage so weit in Betrieb nehmen, dass wir nur noch minimal mithelfen müssen. Die Kreuzsee ist abgeklungen und der Wind etwas stabiler. Nun gibt es sogar ein wenig Schlaf. Neuer Tag neues Glück. Die See hat sich beruhigt, unsere Gemüter auch. Wir geniessen es auf dem Meer zu sein. Die Windsteueranlage hat das Ruder übernommen und wir können uns entspannen. Mit wenig Wind aber viel Strömung fahren wir stetig zwischen vier und fünf Knoten und werden Curacao wie geplant in voraussichtlich vier Tagen erreichen. Es wird immer besser.
Ein Klack an unserer Fischerleine lässt uns aufhorchen. Endlich haben wir mal wieder einen Mahi Mahi gefangen. Das wird ein Festmahl. Der letzte Tag ist angebrochen. Die Winde vor den ABC-Inseln sind oft etwas stärker. Entsprechend hat es in den Böen ungefähr dreissig Knoten Wind. Dank einer zusätzlichen Leine an der Pinne und dem Verkleinern vom Vorsegel steuert unsere Windsteueranlage einwandfrei. Endlich können wir mit gutem Gewissen behaupten, wir haben die Windsteueranlage im Griff. Bei allen Konditionen. Was für eine Freude. Dies gibt neuen Mut für den Pazifik. Kochen ist bei diesen Wellen jedoch schwierig. Statt des frischen Mahi Mahi, gibt es eine Ladung Pasta mit Fertigsauce. Mit minimaler Segelfläche, flitzen wir mit über fünf Knoten und werden bereits bei Tagesanbruch in Curacao einlaufen. Um acht Uhr am Morgen ist der Anker gedroppt. Wir sind in Curacao angekommen. Ein gutes Frühstück in der ruhigen Bucht geniessen, das Dinghy aufblasen und ab zu den Ämtern. Dies ist in Curacao etwas mühsamer. Wir müssen ins etwas entfernte Willemstad. Gleich nach dem Anlanden mit dem Dinghy treffen wir ein holländisches Paar. Sie haben ein Auto und nehmen uns in die Stadt mit. Auf dem Weg können wir an einer Geldmaschine halten und lokales Geld abheben. In der Stadt verabschieden wir uns von den netten Holländern und machen uns zu Fuss auf den Weg zur Immigration. Die Hauptstadt von Curacao ist sehr hübsch.
Wir sind im tropischen Holland angekommen. Die Immigration ist in einem abgeschotteten Quartier. Beim Portier melden wir uns an und dürfen dann in das Gelände. Unsere Pässe werden auf dem Büro gestempelt. Der erste Schritt ist geschafft. Weiter zum nächsten Office direkt nebenan. Dort müssen wir eine Anker-Permit kaufen. Diese erlaubt uns auf Curacao zu ankern. Hier muss man genau angeben, wo man ankert und für diese Region eine Gebühr bezahlen. Wir befürchten bereits, dass wir umankern müssen. Wir scheinen zwischen zwei Ankerfeldern zu liegen. Deshalb hatte es dort so eine schöne grosse Lücke, in der sonst sehr überfüllten Bucht. Wenn man sich verlagern möchte, muss man nochmals auf das Büro in Willemstad und dort eine neue Anker-Permit für die gewünschte Bucht kaufen. Etwas bürokratisch, aber ok. So können sie die vielen Yachten, welche über die Hurrikan-Saison hier sind, etwas regulieren. Nun noch zum Zoll. Dieser ist auf der anderen Seite des Flusses. Über eine schwimmende Brücke kommen wir in die Altstadt. Bunte Häuser säumen die Kulisse. Auch der Zoll ist schnell, mit einem Lächeln erledigt und wir sind legal in Curacao angekommen. Jetzt kommt die Müdigkeit über uns. Wir möchten uns hinsetzen, etwas kleines Essen und ein Bier trinken. Gesagt getan. Die nächste Beiz wird angesteuert. Gestärkt machen wir uns auf den Rückweg. Auf dem Weg zum Busbahnhof finden wir eine italienische Gelateria. Wow, seit Monaten gibt es mal wieder eine Glace und dann noch eine derart schmackhafte. Curacao gefällt uns bereits. Der Bus kommt bald und wir lassen uns zur Ankerbucht zurück chauffieren. Hundemüde kommen wir auf dem Boot an und raffen uns auf, um den Mahi Mahi zu kochen. Es hat sich gelohnt. Die warme Mahlzeit tut gut und der Fisch mundet vorzüglich. Wir fallen ins Bett und freuen uns auf eine ruhige Nacht. Morgen steht dolce far niente an.
Noch vor dem Frühstück kommt ein sehr freundlicher Herr von der Segelschule nebenan angefahren. Er fragt, ob wir den Ankerplan hätten, und zeigt uns, dass wir, wie befürchtet, zwischen zwei Ankerfeldern sind. Er bittet uns, umzuankern. Wir schlagen noch zwei Stunden raus, damit wir wenigstens noch Frühstücken können, bevor wir uns ins überfüllte Ankerfeld begeben müssen. Stef graut bei der Vorstellung schon wieder den Anker manuell heben zu müssen und dies bei starkem Wind. Conny ist auch nicht gerade erfreut, in diesem engen Umfeld manövrieren und das Boot irgendwie stabil halten zu müssen, damit der Anker sich eingraben kann. Wir besprechen das Manöver genau. Als Stef den Anker hebt, fährt Conny beständig etwas nach vorne, damit Stef den Anker hochziehen kann und nicht auch noch das ganze Boot gegen den Wind ziehen muss. Phu, der erste Teil ist gut geschafft. Nun kommt der schwierigere Teil. Wo finden wir einen freien Fleck für unsere Pagsinta. Er ist gefunden. Wir beginnen das Manöver. Der Wind bläst. Der Anker ist bereits am Grund, das Boot wird arg zur Seite gedrückt. Conny fährt nach vorne, um das Boot wieder in die Richtung vom Anker zu manövrieren. Der Wind drückt nach hinten. Conny kann das Boot mit dem Ruder einigermassen stabilisieren und Stef stetig mehr Kette geben. Wir haben beide ein gutes Gefühl. Auch beim Eindampfen machen wir keinen Wank. Nichtsdestotrotz schnappt Stef seine Maske und Flossen. Weil die Sicht derart schlecht ist, muss er sich an der dreissig Meter langen Ankerkette nach unten ziehen, um so den Anker zu finden. Er findet den Anker, welcher bereits gut eingegraben war, kann diesem nochmals einen Stoss geben. Mit dem letzten Atem taucht er auf. Wir sind fest. Die Boote um uns herum sind uns viel zu nahe. Aber mehr Platz hat es nicht. So müssen wir wohl oder übel damit leben. Nun darf das süsse Nichtstun beginnen.







