Unser Segelabenteuer
 

20.06.- 28.06.2024 – Herzlich Willkommen in Grenada

05:30 Uhr, der Wecker klingelt. Ein langer Segeltag steht uns bevor, darum heisst es heute früh raus, das Boot klar machen und den Anker hiessen. Frühstücken können wir unterwegs. Bald bläst der Wind in die Segel und treibt uns mit bis zu sechs Knoten Richtung Süden nach Grenada. Die Strömung will uns nach Westen abtreiben, darum müssen wir etwas stärker gegen den Wind fahren, damit wir den direkten Kurs halten können. Trotzdem werden wir nicht langsamer und pflügen wunderbar durch die Wellen. Schneller als erwartet erreichen wir die gewählte Bucht. Zwei Tauchboote sind an einer Boje festgemacht, zwei Bojen sind noch frei. Wir machen uns fest und erkundigen uns beim benachbarten Tauchboot über das Tauchen und ob wir an dieser Boje bleiben können, oder ist diese nur für Tauchboote bestimmt. Man erklärt uns mit einem Lächeln, dass wir an eine weisse Boje müssen, die roten sind Tauchplätze. Wir dürfen auf eigenes Risiko tauchen. Das ist kein Problem. Herzlich Willkommen in Grenada.

Grüne Muräne

Etwas weiter, finden wir die weissen Boje, machen fest und springen ins Wasser um die Gegend zu erkunden. Gleich um die Ecke ist der Unterwasser Skulpturen Park von Jason Taylor, welcher bereits auf der ganzen Welt seine Kunst als Rifferhaltung und Wiederaufbau versenkt. Die Skulpturen sind schnorchelnd gut zu betrachten. Die Statuen Hand in Hand im Kreis aufgestellt, sollen an den schweren Hurrikan Iwan im Jahre 2004 erinnern, welcher schwere Schäden auf Grenada angerichtet hat.
Die kommen Tage wird getaucht. Den ersten Tauchgang machen wir direkt von Pagsinta aus und steigen an unserer Boje auf zwanzig Meter ab. Ein schönes Riff erstreckt sich von unserer Boje, dem Skulpturenpark entlang bis zur Bucht, in welcher wir zuerst festmachen wollten. Das ganze Riff kann mittels den verschiedenen Boje betaucht werden. Endlich finden wir grosse grüne Muränen, einen Bärenkrebs, viele grosse Barrakudas und eine Schildkröte. Es ist wunderschön durch diese intakte Unterwasserwelt zu schweben. Wir tauchen mal hier und mal da. Machen einmal zwei Tauchgänge am Tag, einmal einen Dämmerungs- Tauchgang oder wieder Frühmorgens, wie es uns gerade gefällt. Die Brandung bringt immer mehr Wellen in unsere Bucht. Langsam wird es hier ungemütlich, doch ein Tauchtag muss noch sein. 

Conny unter Wasser

Danach tuckern wir zwanzig Minuten weiter zum Bojenfeld Martin’s Bay bei St. George’s. Wir haben eine Mission. Bis jetzt haben wir noch keinen guten Rum in der Karibik gefunden, was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit sein sollte. Jetzt wollen wir es nochmals wissen. Mit dem Minibus geht es noch etwas südlicher zur ersten Destillerie. Wir wollen den gebrannten Zuckerrohr Schnaps degustieren. Eine sehr schöne Anlage offenbart sich uns. Überall hört man geschäftiges Treiben, doch zu Gesicht bekommen wir Niemanden. Den schönen Shop mit der Degustations- Ecke erspähen wir durch die geschlossene Türe. Niemand kommt. Wir gehen weiter. Es gibt noch zwei weitere Destillerien in der Region. Zu Fuss suchen wir mittels Google- Maps die zweite Destillerie. Wir biegen in eine kleine Feldstrasse ein. Nach ein paar Minuten stehen wir auf einer Wiese mit einem renovationsbedürftigen Flachbau. Die Veranda ist verstellt mit Gerätschaften. Das Fenster eingeschlagen. Doch dahinter macht sich ein verstaubter Verkaufs- und Degustationsraum auf. Natürlich ist Niemand zu finden. Die zwei Flaschen Rum auf der Veranda wollen wir auch nicht, mir nichts, dir nichts mitgehen lassen. Also entfernen wir uns ein weiteres Mal mit unverrichteten Dingen. 

Easter Carribean Rum Company Ltd.

Eine kurze Busfahrt weiter, kommen wir zur dritten Destillerie. Das Areal sieht richtig nach Industrie aus. Die Tür zum Shop ist offen. Wir werden bedient und können ein paar ihrer vielen Rum- Varianten probieren. Die Degustation ist etwas knauserig und der Rum auch nur «Ok». Dennoch kaufen wir einen Likör Rum mit Kaffee, ähnlich einem Baileys. Lachend über unseren grossartigen Rum- Ausflug fahren wir zurück. Neuer Tag, neue Mission. 

Busbahnhof St. George's

Das Bus- System ist langsam durchschaubar. Von dem Busbahnhof nimmt man den entsprechenden Minibus. Egal wo man aussteigen will klopft man ans Fenster und der Fahrer hält. Auch wenn der eigene Stopp nicht auf der offiziellen Route liegt, macht der ganze Bus gerne mal einen Umweg. Es kann gut vorkommen, dass man den hintersten Platz hat und der halbe Bus aussteigen muss, damit man selbst den Bus verlassen kann. Mit etwas Glück kann man sich den begehrten Beifahrersitz ergattern. Mit eben diesen Minibusen, wollen wir heute in den Osten der Insel zu den Schokoladenfabriken. Die Fabriken sind etwas abgelegen, mal schauen, wie gut das Bus- System wirklich funktioniert. Zuerst fahren wir quer über die Insel. Durch Dschungel und über die Berge. Eine wunderschöne Fahrt bis nach Grenville. Wir erreichen einen weiteren grossen Busterminal. Hier steigen wir um. Freundlich helfen uns die verschiedenen Fahrer. Wir sagen, wo wir hinwollen, kein Problem. Bei unserer ersten Schokoladenfabrik hält man an und wir steigen glücklich aus. Das Anwesen ist riesig, doch von Schokolade sehen wir vorerst nicht viel. Es hat ein paar Geissen, Schildkröten und Affen. Ein schöner Garten mit Kakaopflanzen und Chili. Endlich entdecken wir die Anlage, wo die Kakaobohnen sonnengetrocknet werden. Am Schluss gehen wir in den kleinen Shop. Die Schokolade ist wunderbar. Die Preise astronomisch. Ohne etwas zu kaufen, gehen wir weiter. 

offene Kakaofrucht

Die Viertelstunde zur zweiten Fabrik laufen wir und kommen an ein kleines, buntes Haus mit der Aufschrift «Grenada Chocolate Companie». Erwartungen haben wir nicht viel und treten ein. Ein kleiner, schmucker Verkaufsraum. Hinter dem Tresen die charmante Chocolatiere. Sie erklärt uns alles über die Companie. Führt uns zu den Kakaobäumen und gibt uns die rohe Frucht zum Versuchen. Die weissen, glitschigen Kerne können abgelutscht werden. Süss und erfrischend. Die Dame erklärt uns wie man von den Kernen zur Schokolade kommt und wie sie diese herstellen. Eine sehr authentische Begegnung. Als wir die Schokolade degustieren können, sind wir hin und weg. Solch sämige, geschmackvolle Schokolade haben wir noch nicht gegessen. Bestehend nur aus Kakao und etwas Zucker. Himmlisch! Wir sind im Schokoladen- Paradis.

29.06.- 07.07.2024 – Hurrikan Beryl

Fussball beim Bier im Pub

Schon seit ein, zwei Tagen haben wir das kommende Sturmtief auf dem Radar. Die offizielle Vorhersage des NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) hat nun dem Sturm einen Namen gegeben. Beryl. Zurzeit noch mitten auf dem Atlantik, soll sich Beryl bis zu den Windward Islands zu einem Hurrikan der Kategorie 1 entwickeln und die Inseln der nördlichen Grenadinen passieren. Somit sind wir zwar alarmiert, jedoch gibt es keine speziellen Vorkehrungen zu treffen. Schnell wächst der Sturm zu einem Hurrikan der Kategorie 2 an und zieht voraussichtlich etwas südlicher als erwartet. Immer noch alles im grünen Bereich für uns. Heute spielt die Schweiz an der Europameisterschaft im Fussball im Achtelfinale gegen Italien. In der nahegelegenen Brauerei wird das Spiel übertragen, also gehen wir hin. Vor der Grossleinwand haben sich bereits andere Schweizer Segler eingetroffen. Mit ihnen feiern wir den Sieg und genehmigen uns einige der feinen Brauerei- Spezialitäten. Hurrikan Beryl ist neben dem Spiel das grosse Thema. Alle sind etwas nervös, doch keiner sieht eine Bedrohung. Nach dem zweiten Spiel des Tages verabschieden wir uns und wünschen allen «stay safe!» Zurück auf dem Boot schauen wir nochmals was Beryl macht. Er ist bereits ein Hurrikan der Kaegorie 3 (von 5). Ein Major- Hurrican! Auch hat er seine Bahn nochmals südlicher gelegt. Am Montag soll der Sturm auf die Inseln treffen. Nervös gehen wir zu Bett mit der Absicht, den allmorgendlichen Funkaustausch zwischen den Seglern nicht zu verpassen. Wir sind gespannt, wer was macht und wie der Hurrikan eingeschätzt wird.

Die Segler fliehen - Hurrican Beryl

Noch vor dem Funkspruch konsultieren wir das Wetter. Beryl hat nochmals zugenommen. Kategorie 4 und in 28 Stunden soll er auf Carriacou treffen. Carriacou ist unsere Nachbarinsel! Wir sind nun hochgradig nervös. Was sollen wir tun. Der Hurrikan kommt direkt auf uns zu. Er bringt nicht nur starke Winde. Sinnflutartige Regenfälle und Gewitter gepaart mit vier Meter hohen Wellen. Die Angst vor der Naturgewalt macht sich breit. Über Funk schliesst man sich mit den anderen Seglern kurz. Die Ansage ist klar. Wer kann, der flieht nach Trinidad. Bereits sind über achtzig Segelboote auf dem AIS sichtbar, welche nach Süden fliehen. Nur noch rasch mit unserem Bootsnachbarn kurzschliessen. Die Segelbedingungen abrufen und los. Auch wir fliehen vor der Katastrophe. Beryl hat sich innerhalb von zweiundvierzig Stunden zu einem Hurrikan der Kategorie 4 entwickelt. So schnell und so stark in dieser Jahreszeit war noch keiner. Eigentlich gilt Carriacou und Grenada als Hurrikan sicher. Doch Beryl will sich nicht an diese von Menschen ersonnene Grenze halten.
Wir setzten die Segel und treten die sechzehnstündige Reise ins Ungewisse an. Die Bedingungen sind sehr gut. Nur mit der Genua zusammen mit dem Motor preschen wir südwärts. Der Wind ist (noch) für uns. Die Strömung hilft ebenfalls. Unsere Pagsinta gibt alles, was sie hat, und bringt uns mit sieben Knoten Fahrt zu den sicheren Gewässern von Trinidad. Auf dem Wasser entspannen wir uns etwas. Noch nie haben wir so viele Segelboote unterwegs gesehen. Die Hurrikan- Regatta ist in vollem Gange. Immer wieder kommt ein beruhigender Funkspruch. So haben wir, und die meisten anderen, uns nicht ausklariert. Dies ist höchst illegal, sich im Land nicht abzumelden. Dazu kommt, dass man nicht in die Gewässer eines anderen Landes Einfahren darf. Trinidad ist hier normalerweise sehr konsequent und schickt alle Boote mit falschen Papieren zurück. Doch auch für dieses Problem kommt der entlastende Funkspruch. Trinidad bietet allen flüchtenden Unterschlupf und heisst die Segler Herzlich Willkommen. Die letzte Nervosität nehmen uns die Delfine, welche uns kurz begrüssen. Wir erachten diese als ein gutes Omen. Die Nacht bricht ein und wir rasen immer noch auf Trinidad zu. Beryl setzt Richtung Carriacou. Kurz vor Mitternacht, viel früher als erwartet, fahren wir in die ruhigen Gewässer hinter Trinidad und setzten den Anker. Hier gibt es kein Windstoss, keine Welle. Wir fühlen uns sicher und fallen bald in einen tiefen Schlaf.
Montag, 1. July 2024, Hurrikan Beryl trifft auf die Windward Islands. Den ganzen Tag verbringen wir auf dem Boot. Selbst hier nimmt man die Kraft des Hurrikans wahr, doch entfaltet er hier nicht seine zerstörerische Kraft. In Gedanken sind wir den ganzen Tag bei all den lieben Leuten, welche wir vor kurzer Zeit noch getroffen hatten. Charlo, welcher das Riff auf den Tabago Cays schützt. Die Kinder von Union Island, mit welchen wir im Bus gefahren sind. Die Eigentümer des Paradies Beach Restaurants und viele mehr. Wir denken an die Natur und die Tiere, welche wir entdeckt haben. Ein trauriger Tag. Es ist unvorstellbar, was einige Bootsstunden nördlich jetzt abgeht. Hier haben wir 0,8 Meter hohe Wellen und zwanzig Knoten Wind. Zwischen Grenada und St. Lucia haben sie bis zu sieben Meter hohe Wellen und Hundertzwanzig Knoten Wind. Dazu kommt Regen und Gewitter in einem apokalyptischen Ausmass. Wie kann man das Nachvollziehen? Wir sind einfach nur traurig und fühlen mit den Ärmsten, welche nicht wie wir vor dieser Katastrophe fliehen konnten.
Am Abend kommt die erste Entwarnung von unserem Schweizer Freund, welcher auf Grenada bleiben musste. Das Schlimmste ist vorbei. Ihnen geht es gut und Grenada hat Beryl gut überstanden. Am Morgen danach kommen die ersten Bilder. In Grenada hat es einige Boote an Land gespült. Carriacou wurde mit voller Wucht getroffen. 100% der Häuser sind kaputt. Sandy Island, wo wir vor zwei Wochen so idyllische Tage verbrachten, besteht wirklich nur noch aus Sand. Alle Bäume sind weg. Union Island und Mayreau sind zu 90% zerstört. Alles macht sehr betroffen. Wir denken an die schönen, glücklichen Tage, die wir bei diesen Inseln verbringen durften. Und jetzt. Nichts steht mehr.

Papierkrieg in Trinidad

Die Segler organisieren sich in Windseile untereinander. Es werden die ersten Hilfsgüter gesammelt und bereits machen sich die ersten auf, die Güter zu den betroffenen Inseln zu bringen. Auch wir wollen etwas tun. Nur ist dies gar nicht so einfach. Die Boote sollen koordiniert sein, nicht das man sich vor Ort gegenseitig im Weg ist. Wir schreiben uns ein und machen uns bereit am Donnerstag wieder nach Grenada zu segeln. Leider sind wir zu klein, dass es wirklich etwas bringen würde unser Boot vollzustopfen. Dafür sind die grossen Katamarane besser geeignet. Also entscheiden wir uns, nach Grenada zu gehen, und allenfalls vor Ort eine Hand bieten zu können. Da wir bereits achtundvierzig Stunden in Trinidad sind, verweist uns die Küstenwache, dass wir uns anmelden müssen, auch wenn wir tags darauf bereits wieder losgehen. So machen wir uns an den Papierkrieg. Auch hier sind die Segler sehr gut untereinander organisiert. Um den Durchblick über die unzähligen Dokumente, Formulare und Kopien zu haben, unterstützen die eingesessenen Segler die Neuankömmlinge. Als wir beim Zollamt sitzen und geduldig in der Schlange warten, kommt ein alter Bekannter in den Raum. Mark von der Dark Shark. Ihn haben wir bereits in Kap Verden und dann wieder auf Martinique getroffen. Er ist ohne Plan unterwegs. Als wir ihm erzählen, dass wir nach Kolumbien wollen, ist er ziemlich begeistert. Wer weiss, vielleicht sieht man sich wieder. Wir gehen, nachdem wir uns erfolgreich ein- und ausklariert haben, etwas essen. Hier treffen wir erfahrene Karibiksegler. Bereits seit zwanzig Jahren sind sie hier. Sie geben uns den einen oder anderen Tipp für die Rückfahrt nach Grenada. In Grenada wird der Diesel zurzeit für Carriacou benötigt, darum möchten wir mit vollen Tanks nach Grenada zurückkehren. Am Nachmittag packen wir unsere Diesel- Kanister und fahren an Land. Ein Einheimischer fährt uns mit seinem Auto zu einem Bankomaten und anschiessend zur Tankstelle. Einheimische bezahlen in Trinidad rund die Hälfte für Diesel. Entsprechend kauft er unseren Diesel und wir geben ihm dafür ein gutes Trinkgeld. Die Buchten in Trinidad zeigen Spuren der Ölplattformen. Sie sind arg verschmutzt, darum konnten wir kein Wasser produzieren. Somit machen wir eine zweite Fahrt an Land und beziehen Frischwasser von der nahen Marina.

Der Donnerstagmorgen ist angebrochen. Früh geht es los. Noch sind wir im Windschatten von Trinidad und müssen den Motor nutzten. Nach drei Stunden setzten wir die Segel. Zuerst etwas langsam, segeln wir in Richtung Grenada. Bald setzten die Strömungen ein und der Wind nimmt zu. Mit einer Rekordgeschwindigkeit von über neun Knoten rasen wir retour in die Martin’s Bay. Vor Mitternacht sehen wir das Bojen Feld. Einige Boote sind bereits retour. Die Boje, welche wir vor wenigen Tagen verlassen mussten, wartet auf uns. Wir machen fest und sind dankbar zurück in Grenada zu sein. Beim morgendlichen Funkspruch erfahren wir, wo gesammelte Güter abgegeben werden können. Bevor es für uns an Land geht, packen wir eine Tasche mit benötigten Gütern für die notbedürftigen Inseln. 

Hurrikan- Opfer in Grenada

Auf dem Weg an Land sehen wir einige der gestrandeten Boote. Beim Einklarieren werden wir mit einem freundlichen Lachen und einem kessen Spruch begrüsst. Herzlich Willkommen in Grenada. Wir lernen sogar den Segler, welcher unsere Güter in die Grenadinen bringen wird, kennen. Es tut gut, wenigstens ein bisschen zu helfen.