13.-18.05.2025 – Fatu-Hiva, Ankunft im Paradies
Durchschlafen ist nach 45 Tagen im Schichtbetrieb schwierig. Wenigstens mussten wir nicht Aufstehen und ein Wecker klingelte auch nicht. Herrlich. Etwas ausgeruht kriechen wir aus der Koje und betrachten die Szenerie der angelaufenen Insel Fatu-Hiva. Als Erstes fällt das überall spriessende, üppige Grün und die zerklüften Steilhänge auf. Ein wunderbarer Anblick. Ein gemütliches Frühstück bei welchem wir die Kaffeetasse unbedenklich auf den Tisch stellen können. Überhaupt wieder einmal an einen Tisch zu sitzen, ist speziell. Bevor wir an Land gehen, räumen wir noch etwas auf. In unserer Pagsinta herrscht von der Überfahrt ein ziemliches Chaos. Noch das verstaute Dinghy aufblasen. Ganz langsam und gemütlich. Danach paddeln wir zum Quai. Ganz langsam und gemütlich. Wir stehen an Land. Es schwankt. Doch nur ein wenig. Nach einigen Minuten ist der Spuck bereits verschwunden und wir stehen fest auf dem Untergrund. Wir machen die ersten Schritte. Ganz langsam und gemütlich. Nach so langer Zeit eigentlich nur sitzen und liegen hatten wir es uns anstrengender vorgestellt. Die Strasse ist gesäumt von vielen Tikis (Götzenstatuen Polynesiens). Bereits fallen uns die vielen Früchtebäume auf mit Grapefruits so gross wie Melonen. Wuchernde Bananenbäume, Papaya, Herzfrucht (eine riesige Frucht mit glitschig, feinem Fruchtfleisch). Die Gelüste auf frisches Obst sind erwacht. Wir schlendern vorbei am grossen Gemeindeplatz und dem Fussballfeld. Auf der anderen Seite des Fussballfeldes gibt es ein Restaurant. Ein grosser Tisch ist besetzt und ein stämmiger Polynesier winkt uns heran. «Kommt, seid Willkommen und esst mit uns! Keine Sorge, ihr seid eingeladen», sagt der grosse langhaarige und schön tätowierte Mann. Genau so stellten wir uns die lokale Bevölkerung vor. Er sieht ein bisschen aus wie Maui (Polynesische Gottheit (siehe auch Disney’s Vaiana)). Am Tisch sitzen noch zwei lokale Frauen und vier junge französische Segler. Uns werden Schweinerippchen und Reis, Spagetti und Fischsalat gereicht. Wein wird ausgeschenkt. Die Spagetti lehnen wir dankend ab, von denen gab es die letzten Tage genug. Der Salat und die Rippchen sind himmlisch! Dieses Begrüssungsfest und die grenzenlose Herzlichkeit können wir nicht fassen. Wir sind total gerührt, sprachlos und einfach nur dankbar. Beim Abschied bekommen wir ein frisches Baguette mit auf den Weg und «Maui» sagt, wir sollen morgen nochmals kommen, dann hat er Früchte für uns. Bereits erschöpft von den vielen Freuden und Eindrücken wackeln wir etwas durchs Dorf und geniessen den festen Boden unter den Füssen.
Am zweiten Tag im Paradies machen wir uns zuerst an unsere Pflichten. Conny packt Flossen, Maske, Schwamm und Spachtel und springt ins Wasser. Der Rumpf muss dringend von den Muscheln und den Algen befreit werden. Stef nimmt sich der Toilettenspülung an. Diese bekommt eine Totalrevision. Nach einigen Stunden Arbeit funktioniert die Spülung wieder tadellos und der Rumpf ist von den ungewollten Mitfahrern befreit. Die vielen dichten Wolken verlockten Conny ohne Shirt ins Wasser zu gehen. Dies bereut sie leider mit einem ausgewachsenen Sonnenbrand auf dem Rücken, den sie noch einige Tage begleiten wird. Nach getaner Arbeit zieht es uns selbstverständlich wieder an Land. «Maui» mit den versprochenen Früchten treffen wir nicht an. Wir erkundenden die zwei kleinen Läden und kaufen von einem privaten Garten einen Eimer voll Bananen. Der Verkäufer erklärt uns, dass Morgen in der Turnhalle das Kinder-Festival mit Gesang und Tänzen stattfindet. Ganz klar. Das wollen wir nicht verpassen.
Heute wollen wir uns so richtig die Beine vertreten und die Insel etwas ausgiebiger auskundschaften. Als erstes machen wir uns auf in die Turnhalle. Als wir ankommen, ist das Kinder-Festival bereits in vollem Gange. Eine Gruppe herziger Kinder, einheitlich gekleidet, steht in der Mitte der Halle und singt ein traditionelles Lied. Sie werden von einer Dame mit einem grossen Djembe begleitet. Um sie herum sitzen hauptsächlich die Mütter, farbenprächtig angezogen mit Blumenkränzen im Haar. An den Wänden sind von den Kindern erstellte Plakate aufgehängt, die alles rund ums Wasser erzählen. In der nächsten Darbietung kommen meist zwei Kinder zusammen nach vorne und erzählen über die Bedeutung vom Wasser und dass wir dem Wasser Sorge tragen müssen. Da die Amtssprache Französisch ist, verstehen wir auch etwas von den Vorträgen. Danach gibt es traditionelle Tänze der Polynesier zu bestaunen. Die Mädchen meist sitzend in der Mitte, mit Armen und Oberkörper wogend, wobei die Knaben um sie herum einen kämpferischen, breittretenden Tanz vollführen.
Nach zwei Stunden werden die Kinder zum Mittageessen gerufen und uns zieht es weiter. Kaum fünf Minuten auf der Strasse, hält ein Auto neben uns und fragt, ob wir gerne Früchte haben wollen. Er erklärt uns den Weg zu seinem Haus und fährt voraus. Über einen matschigen Feldweg erreichen wir seinen grossen Garten. In einem Treibhaus wächst Vanille und der Garten ist voll mit diversen Fruchtbäumen. Bei seinem Haus angekommen bietet er uns ein Gebäck zur Probe an. Lecker! Somit drückt er uns einen ganzen Sack mit dem köstlichen Gebäck in die Hand, welches seine Tochter frisch zubereitet hatte. Er bedeutet Conny bei seiner Frau und Tochter im Haus zu bleiben und nimmt Stef zu den Obstbäumen mit. Zusammen pflücken sie Grapefruits, die so gross sind wie Melonen, Limetten und Papayas. Nicht nur ein zwei, nein, mit zwei Kisten voll Früchten kommen sie zurück zum Haus. Im Haus fallen uns die wunderschönen, hölzernen Saiteninstrumente auf. Noch nie haben wir Instrumente wie diese gesehen und trotzdem erinnern sie uns an eine Ukulele. Er bestätigt unsere Vermutung, dies seinen original, traditionelle Ukulelen und er ist einer von fünf Ukulelen-Bauern der Insel. Stolz zeigt er uns seine kleine Werkstatt.
Nur mit einem Wellblech gedeckt, der Boden über und über mit Hobelspänen bedeckt und hinter dem Schuppen wälzt sich genüsslich eine Sau im Schlamm. Er erklärt uns seine Arbeit und zeigt uns seine weiteren, unzähligen Ukulelen, eine schöner als die andere und auch weitere Kunstwerke aus seiner Hand. Zusammen spielen wir die exotisch tönenden Ukulelen. Unbedingt wollen wir ihm eine abkaufen. Wir verhandeln den Preis und suchen uns eine aus, welche wir jedoch erst Morgen, wenn wir genügend Bargeld haben, abholen werden. Unsere vielen Früchte lassen wir noch hier und machen uns auf den Weiterweg. Auf der befestigten Strasse geht es Steil bergauf. Überall wachsen Kokospalmen und wunderschöne Bäume. Neben uns rauscht der kleine Fluss durchs Tal. Am Ende der Strasse stossen wir auf einen jungen Mann, sitzend am Strassenrand. Er erzählt uns von einem Vogel, welcher nur in diesem Gebiet vorkommt, und sie versuchen ihn vom Aussterben zu bewahren. Er erklärt uns, wo wir den kleinen, schwarzen Vogel finden können. Der kleine Trampelpfad führ uns tiefer in den Urwald.
Wir müssen den Fluss dreimal durchqueren bis wir an die beschriebene Stelle kommen. Den Vogel finden wir nicht, doch der Wald ist wunderschön und wir geniessen es einmal anstatt von Blau, von Grün umgeben zu sein. Nach knapp zwei Stunden sind wir wieder beim Ukulelen-Macher. Mit den vielen Früchten fährt er uns kurzerhand mit seinem Auto an den Pier. Als wir alles in unser Dinghy verladen haben, kommt auch gleich «Maui» vom ersten Tag angefahren und bringt uns einen weiteren Sack voll mit Grapefruits und Limetten. Er hat auch eine Herzfrucht dabei. Die hat eine dünne Schale und viel gliebriges, schmackhaftes Fruchtfleisch. Abermals reich beschenkt schaukeln wir zurück auf unser schwimmendes Zuhause und geniessen glücklich ein Bier zum fantastischen Sonnenuntergang.
Die folgenden zwei Tage verlaufen ruhig. Wir putzen und warten etwas besseres Wetter ab. Zurzeit gibt es sehr viel Wind. Darum bleiben wir in der geschützten Ankerbucht bevor wir uns nach Hiva Oa aufmachen.
19.-24.05.2025 – Hiva Oa, Ankunft in Französisch-Polynesien
Früh morgens um 03:00 Uhr klingelt der Wecker. Das ist ok. Wir haben uns bereits gut erholen können von den vergangenen Strapazen. Kurz nach vier Uhr lösen wir den Anker und segeln in einen wunderschönen Tag hinein. Sobald wir Fatu-Hiva hinter uns gelassen haben, kommt guter Wind auf und die Dämmerung zeigt sich in allen Farben. Bevor die Sonne über den Horizont wandert, taucht sie den Himmel in sattes Violette. Das Grosssegel und die Genua sind gehisst. Wir geniessen es die Pagsinta selbst an der Pinne zu lenken. Bis wir vor der Insel bei Hiva Oa sind, machen wir gute sechs Knoten Fahrt. Langsam nimmt der Wind ab. Als wir nur noch knapp drei Knoten vorankommen, nehmen wir den Motor zur Unterstützung bis in die vollbesetzte Hafenbucht. Wir zirkeln durch die vielen Boote in der Hoffnung unseren Anker ebenfalls hier, im geschützten Bereich fallen zu lassen, doch vergeblich. Die Boote sind dicht an dicht. Da es bereits Boote in der verbotenen Zone der Hafeneinfahrt hat, beschliessen wir, uns zu denen zu gesellen. Der Anker hält, die Wellen sind unangenehm hoch und wiegen uns unsanft hin und her. Für eine Nacht solls gehen. Morgens um viertel vor Acht treffen wir Sandra am Pier. Mit Sandra von der Tahiti Crew, unserem Agenten, fahren wir zur Polizei, um uns nach bereits 6 Tagen im Land endlich anzumelden. Mit einem lächeln werden wir offiziell in Französisch-Polynesien begrüsst. Der Officer erklärt uns, dass wir an unserem jetzigen Ankerplatz spätestens Donnerstagmorgens weg sein müssen, weil das grosse Cargo-Schiff ankommen wird. Zurück beim Hafen, suchen wir von Land aus, einen neuen Platz für unser Boot. Weit hinten in der Bucht gibt es eine Lücke. Das könnte klappen. Kurzum, wir verlagern uns und platzieren unseren Anker auf angenehmen zwei Metern Tiefe. Perfekter könnten wir zwischen all den Booten nicht stehen und Wellen belästigen uns hier auch nicht mehr. Wieder an Land machen wir uns an den knapp 30-minütigen Fussmarsch in das kleine Dorf. Wir schlendern etwas umher und machen einen kleinen Einkaufsbummel. Den Apero kaufen wir im Laden, platzieren uns an den Strand und schauen den Surfern zu. Zum Abendessen gehen wir endlich wieder einmal in ein Restaurant und lassen uns mit Entrecôte und Pizza verwöhnen.
Durch unseren Agenten werden wir komplett einklariert. Das heisst, wir bekommen noch ein Schriftstück zugestellt, welches uns erlaubt Diesel steuerfrei zu beziehen. Da sich die 15% lohnen warten wir, bis wir dieses am Freitag bekommen. Um die Wartezeit zu überbrücken, machen wir heute eine Wanderung. Eine Wanderung zu einem Stein mitten im Dschungel. Dieser Stein soll mit Gravuren aus vergangenen Tagen versehen sein. Also auf geht’s! Eine schöne Feldstrasse macht den Anfang. Nach kurzem Marsch wird diese stetig verwilderter. Als sie mitten im Wald komplett überflutet ist, überlegen wir uns das erste Mal, umzukehren. Ach was, Augen zu und durch. Der Schlamm reicht uns fast bis zu den Knien. Die knapp dreissig Meter waten wir mühselig und setzten auf der anderen Seite des Morastes unseren Weg auf der Strasse fort. Der Fluss stellt für uns kein Hindernis dar. Im Gegenteil, jetzt sind die Schuhe und Beine wieder gewaschen. Ein weiterer Schlammtümpel umlaufen wir. Das graue, schaumige Wasser macht nicht wirklich an durchzustampfen. Der Weg wird immer verwucherter. Wann ist hier das letzte Mal jemand durchgekommen? Eigentlich hätten wir unsere Machete mitnehmen sollen. Das Gestrüpp wuchert überall.
Wir treten es nieder und kämpfen uns langsam vorwärts in der Annahme noch auf dem rechten Weg zu sein. Hier und da sehen wir ein Steinmännchen. Die Richtung sollte demnach stimmen. Bei einem Steinhaufen verzweigt sich der Weg. Auf unserem gewählten Weg gibt es irgendwann kein Durchkommen mehr. Auch sollten wir den Rückweg wieder finden. Zurück beim letzten Steinmännchen, wagen wir uns das letzte Mal nach vorne und siehe da, nach einigen Metern haben wir unser Ziel tatsächlich erreicht. Der Stein ist speziell, allerdings nichts Besonderes. Doch es hat sich gelohnt, diesen abenteuerlichen Weg zu gehen. Wie immer ist der Rückweg um einiges unspektakulärer, da man alle Hindernisse bereits kennt. Zurück auf der asphaltierten Strasse, machen wir einen Abstecher durch ein schönes Wohnviertel mit schmucken Häuschen und teilweise kläffenden Köter. In der Nähe des Hafens gehen wir an die wilde Steinküste und lassen uns von der Brandung hypnotisieren, wie das Meer um die Felsen spielt. Immer wieder gibt es in einem Felskanal einen riesigen «Waterblow». Stef macht sich den Spass, auf den Fels in eine geschützte Mulde zu klettern und sich der Urgewalt hinzugeben. Conny macht sich Sorgen, als Stef in der Wasser-Fontaine verschwindet. Dann hört sie sein unendliches Lachen. Giggelnd und klitschnass klettert er zurück.
Endlich kommt das ersehnte Dokument. Wir tanken sehr günstig unser Boot voll, machen die letzten Einkäufe und freuen uns morgen in eine sehr spezielle Bucht zu fahren. In dieser können wir endlich wieder einmal ins klare Wasser springen.